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Botschafter Ukelli: "Wir hoffen, dass Serbien zur Vernunft kommt"

Kosovos Botschafter Sami Ukelli sieht für sein Land keine Alternative zum EU-Beitritt. Aber der führt über Belgrad.

Sind die vergangenen zehn Jahre so verlaufen, wie Sie sich das vorgestellt haben?

 

Wir können stolz und zufrieden sein mit dem, was bisher erreicht wurde. Wir haben uns  die Latte aber sehr hoch gelegt, wir haben also noch einiges vor. Im Vergleich mit anderen Ländern in der Region haben wir bei der EU-Integration Nachholbedarf. Wir sind natürlich froh, dass es für die Region eine neue EU-Erweiterungsstrategie gibt. Natürlich hätten wir uns gewünscht, dass mehr  für den Kosovo drinnen steht. Das heißt aber nicht, dass wir nicht  selbstständig weiterarbeiten an den Kriterien.



Wie steht es heute um die Einigkeit im Land?


So ein junger Staat wie der Kosovo muss sich  noch weiterentwickeln. Unser größtes Problem ist momentan, wie wir die Wirtschaft ankurbeln können. Und da gibt es natürlich Lösungsvorschläge von beiden Seiten: Die Opposition ist immer gegen das, was die Regierung macht. Ich persönlich würde mir einen Schulterschluss wünschen, damit diese Dinge angepackt werden. Wir haben eine sehr starke Opposition derzeit. Sie soll als Wächter dienen, damit die Regierung ihre Arbeit gut macht. Wir haben unsere neue Regierung ja erst seit September, die muss sich noch beweisen. Gerade wurde auch das Gesetz für strategische Investitionen verabschiedet und wir hoffen damit das Investitionsvolumen zu steigern.



Ist die internationale Präsenz im Land ein Hindernis bei der Weiterentwicklung, die der Kosovo noch machen muss?


Der Kosovo ist ein Projekt der internationalen Gemeinschaft. Und ich denke, dass es ein gelungenes Projekt war. Im Jahr 1999, als die Vereinten Nationen die größte Mission überhaupt seit ihrem Bestehen in den Kosovo geschickt haben, haben sie die ganzen Institutionen von der Picke aufgebaut.  Anfangs ging das gut, es stieß aber auch an ihren Grenzen. Man muss sich das so vorstellen: Da kamen Menschen von überall auf der Welt, die  nicht unbedingt mit der Kultur und Arbeitsweise der Einheimischen vertraut sind. Logischerweise gibt es auch Schwierigkeiten.  Heute haben wir noch die Kfor zur Friedenserhaltung, da unsere Sicherheitskräfte noch nicht in die eigene Armee umwandelt sind. Und bis Juni dieses Jahres haben wir die EU- Rechtsstaatlichkeitsmission (EULEX), die viel geleistet hat. Ich denke, wir müssen  dankbar sein für diese Unterstützung. Natürlich sind wir aber froh, wenn die Mission nicht mehr selbst aktiv ist, sondern im Hintergrund  beratend unsere Institutionen zu unterstützt.



Außenpolitisch hängt an der Entwicklung des Kosovos  viel an Serbien. Wie schätzen Sie da die Entwicklung ein?


Wir hoffen sehr, dass Serbien zur Vernunft kommt. Voriges Jahr hat es eine Weiterentwicklung gegeben, auch  wenn die Rhetorik noch immer sehr aggressiv ist gegenüber dem Kosovo. Trotzdem merkt man, dass es Versuche gibt, die Sache zu lösen. Es gibt einen innerpolitischen Dialog zum Kosovo, in den alle Bevölkerungsschichten eingebunden sind, um Lösungsvorschläge zu sammeln. Irgendwann soll es zu einer Entscheidung kommen, in welche Richtung es gehen soll.


Wann erwarten Sie das?

 


Es ist schwierig, das vorherzusehen. Wenn es nach dem Zeitplan der EU-Kommission für die Westbalkanländer geht, sollte eine Einigung  Ende kommenden Jahres stehen. Diese Frage müssen aber die Serben lösen, wir sollten uns da nicht einmischen. Der Kosovo ist unabhängig und daran wird sich nichts ändern. Je früher man das erkennt, desto besser für alle Beteiligten. Es ist sehr viel verlorene Energie für beide Staaten. Es wäre vernünftig, einen Schlussstrich zu ziehen und den Leuten die Wahrheit zu sagen.



Dass es ohne eine  Einigung keinen EU-Beitritt gibt?


Ja. Und für uns – da kann ich stellvertretend für alle Westbalkanländer sprechen – gibt es keine Alternative zur Integration in die Europäische Union. Für die Serben ist das vielleicht derzeit nicht ganz klar, aber für alle anderen schon.



Österreich war immer ein Unterstützer des Kosovos. Jetzt sagt  Vizekanzler Strache in einem Interview, der Kosovo sei ein Teil Serbiens. Was halten Sie von solchen Aussagen?


Ich glaube, die Beziehungen zwischen Österreich und dem Kosovo sind sehr gut und beruhen nicht auf Aussagen dieser Art. Das wurde ja auch dementiert. Und es spielt keine Rolle. Wir kennen die offizielle Position Österreichs und können uns nur bedanken für den Beitrag, den Österreich  all die Jahre geleistet hat. Wir schätzen Österreich als  wichtigen, strategischen Partner auf dem Weg in die Europäische Union.

Wenn Sie sich jetzt vorstellen, dass die Länder des ehemaligen Jugoslawiens irgendwann wieder in einer Union sind, in der Europäischen Union, was geht da in Ihnen vor?


Der Weg ist das Ziel. Und ich denke, dass wir uns auf dem Weg dorthin alle verändern werden. Als Außenstehender ist das schwierig zu sehen, aber seit dem ersten Konflikt 1991 hat sich einiges verändert. Es gibt einen Austausch zwischen allen Teilen des ehemaligen Jugoslawiens. Die größten Handelspartner sind nach wie vor die Nachbarn. Es ist nicht so, dass wir als unabhängige Staaten nebeneinander stehen und nichts miteinander zu tun haben. Leider ist die Rhetorik eine andere – es werden in gewisser Weise immer noch nationalistische Töne gespuckt.  Aber die Wirtschaft spielt eine bedeutende Rolle. Wenn man sie in der gesamten Region ankurbeln kann, dann wird sich dieser Schwung auch in andere Lebensbereiche übertragen.
 

(von Stephanie Pack, Salzburger Nachrichten)